Die Nachricht erreicht mich an einem sommerlichen Donnerstagabend. Sie ploppt mitten hinein ins Laue. Genau zwischen die Reste unserer Abendbrotschlacht. „Frank will uns verlassen. Was soll ich nur tun?“ Neun Worte, die ich – so oder so ähnlich – oft gelesen habe in den letzten zwei Jahren. Neun Worte, die zwar wie aus dem Nichts hier auf dem spröden Gartentisch landen. Die sich aber langsam angeschlichen haben. An Thea und Frank. Christina und Jan. Sophia und Verena. Tim und Alina. Maike und Henning. Und all die anderen. Die nun Eltern sind. Aber kein Paar mehr. 

Drinnen kämpft Chris mit den Zwillingen. Um den notwendigen Einsatz einer Zahnbürste. Um weitere zehn Minuten Hörspiel. Um den Berg poolfeuchter Handtücher auf den Wohnzimmerdielen. Um was auch immer. 

Ein ganz normales 19.32-Uhr-Schauspiel. Allabendlich gern gesehen und immer wieder neu inszeniert von allen Beteiligten. Der Große „muss noch Mathe“. Die Große findet „voll ungerecht“, dass wir Eltern gleich einen Film sehen möchten und sie mit ihren „Babybrüdern“ in die obere Etage „abgeschoben werden soll“. Irgendjemandem fällt auf, dass die Kaninchen noch ausgemistet werden müssten. Und das das Spanisch-Buch fehlt. Oder das Handy-Ladekabel. Oder der „Corona-Test-Nachweiszettel“ ohne den man ja morgen gar nicht zur Schule kann. 

Ich bewaffne mich mit einem Arm Stroh und mache mich auf zu den vergessenen Langohren. Der alte Garten verschluckt das Schauspiel. Und während ich miste kann ich nachdenken. „Frank will uns verlassen. Was soll ich nur tun?“ Ich fühle die Angst in Theas Worten. Die Traurigkeit. Und die Wut. Und obwohl ich die junge Zwillingsmama nur aus dem Geburtsvorbereitungskurs und der WhatsApp-Gruppe kenne, kann ich mir gut vorstellen, was in dem viele hundert Kilometer entfernten Stadthäuschen, in dem sie heute Abend allein mit den Kindern sitzt, passiert ist. Oder nicht passiert ist.

Eltern werden und Paar bleiben. Klingt nach einem guten Plan. Klingt verdammt einfach. Und irgendwie selbstverständlich. Aber das ist es nicht. Ist es nie. Beziehung ist etwas Lebendiges. Etwas, das gepflegt werden muss. Etwas, dass nicht von allein grünt und blüht. Eine Beziehung braucht Licht. Und Wärme. Und Wasser. Und Nährstoffe. Blabla. Denn wo in diesen Weisheiten steht eigentlich, was passiert, wenn die Zeit fehlt, etwas zu pflegen und zu entwickeln. Wenn mindestens zwei winzige Menschen um uns herum Aufmerksamkeit binden. Kraft abziehen. Raum beanspruchen. Wenn sich Themen auseinander entwickeln. Wenn kaum ein vollständiger Satz zwischen den Liebenden zu Ende geführt werden kann. Wenn wir in unterschiedlichen Räumen schlafen. Wenn wir zu unterschiedlichen Zeiten essen. Wenn es in unseren Gedanken vorwiegend um volle Windeln, um Wäscheberge oder den Einkauf geht. Gehen muss! Richtig. Niemand. 

Und wenn es doch jemand gesagt hat, haben wir es nicht gehört. Es nicht auf uns bezogen. Hat ja nicht zu tun mit uns. Unsere Beziehung ist ja anders. Unsere Liebe ist größer. Unser Fundament stärker. Und wir passen auch viel besser auf uns auf. Haben die Aufgaben total gleichberechtigt verteilt. Ergänzen uns auch echt super.

Ach wirklich?! So einfach geht das? Mein Blick bleibt an dem Kohlmeisen-Männchen sitzen, das seit Minuten vom Zaun zu mir herüberschimpft. Ich bin für seinen Geschmack zu nah an seinen Jungen. Gefällt ihm nicht! Irgendwann reichts auch mal!

„piepspiepspieps!“ Der kleine Kerl bekommt sich gar nicht wieder ein. Und ich bewundere ihn. Kohlmeisen sind monogam, haben also bis zum Tod den gleichen kleinen Partner an der Seite. Hab ich mal irgendwo gelesen. Und fällt mir nun wieder ein. Wie machen die zwei das nur? Was schätzen sie am anderen? Was ist es, was diese winzigen Vögelchen für immer zusammenschweißt? Das gepflegte Gespräch bei einem schönen Glas Wein? Die feurige Debatte über den Weltfrieden? Ein netter Spazierflug um den Block? Wenn die Jungen schlafen und die Katze des Nachbarn auch? Wohl nicht.

„Frank will uns verlassen. Was soll ich nur tun?“ Thea, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines: Nichts zu tun wäre tatsächlich Euer Ende. Euch beiden wird etwas fehlen. Zeit. Zärtlichkeit. für Monate, für Jahre Achtung voreinander. Freiraum. Austausch. Anerkennung. Der Blick füreinander. Halt. Zugewandtheit. Liebe? Na, die hoffentlich nicht! Hoffentlich ist auf Eure Liebe, auf das Fundament Eurer Familie nur der Blick verstellt. Hoffentlich schafft ihr es, euch klar zu machen, dass es diese winzigen Wunder in der Wiege in Eurem Wohnzimmer nur gibt, weil es Euch gibt. Euch als Paar. Euch als Wurzelstock. Euch als Nährboden.

Ein Fakt am Elternsein, das wohl die Allerwenigsten vorher realistisch einschätzen, ist das hohe Maß an Fremdbestimmung, das einem Paar entgegenschlägt, sobald es den Kreißsaal verlassen hat. Für euch Zwillings- und Drillingseltern gilt das nochmal mehr. Gilt das doppelt. Und dreifach. Von dem Augenblick an, da eure Minis geschlüpft sind, seid ihr fremdbestimmt. Körperlich. Emotional. Und über eine relativ lange Zeit auch 24/7. Dauerfüttern. Dauerwickeln. Dauerkuscheln. Dauernd Mama. Dauernd Papa. 

Was malt sie denn alles so schwarz?!?! Mach ich nicht! Auf keinen Fall!! Insbesondere die ersten Monate mit den Babys sind eine wunderschöne, eine unvergessliche und atemberaubende Zeit des Zusammenwachsens, des Kennenlernens, des neu Entdeckens! Aber auch eine mega Herausforderung für alle Beteiligten. In all dem rosoarot darf ein Hauch von Dunkellila durchblitzen. Nicht alles muss glänzen und strahlen. Manches fühlt sich auch an wie der vollgespuckte Lappen über der Sofalehne: feucht und stinkig.

Vielleicht ist das ja genau das Geheimnis! Sich VOR der Geburt Eurer Kinder mit Euch und Eurer Beziehung auseinanderzusetzen. Zu schauen, in welchen Lebenslagen ihr JETZT in die gleiche Richtung blickt und an welchem Punkt ihr euch noch etwas annähern dürft. 

Fragt euch: Wie wollt ihr die Aufgaben verteilen? Was ist Euch wirklich wichtig? Wie seht ihr euch als Frau. Als Mann. Als Mama und Papa? Und noch wichtiger: Wie seht ihr euren Mann? Eure Frau? Was ist für euch eine gute Mutter? Und was macht einen tollen Papa aus? Wann braucht ihr Zeit für euch? Wie waren eure eigenen Eltern? Gibt es etwas, das ihr unbedingt ändern oder genau so übernehmen möchtet? An welchem Punkt muss in einem Streit Schluss sein? Was habt ihr für Erwartungen an euren Familienalltag? Wo um alles in der Welt könnt ihr in eurem jetzigen, eurem kinderlosen Leben Reccourcen freisetzen, auf die ihr zurückgreifen könnt, wenn eure Minis bei euch einziehen? Und vor allem: wie schafft ihr es, gemeinsam zu GENIESSEN was IST und nicht nur zu ERTRAGEN? Nicht nur darauf zu warten, dass etwas wieder anders wird, sich weniger gewohnt anfühlt, euch glücklich macht? Richtig: Indem ihr es TUT wenn ihr euch danach FÜHLT und es LASST, wenn ihr gerade einen Atemzug nur für euch braucht. Voller gegenseitigem Respekt. Voller Achtung. Das Herz des anderen fest im Blick. Und voller Vertrauen auf euch und euer Fundament. Auf das, was ihr geschaffen habt. Und das, was nicht weg ist, nur weil ihr Mehrlingseltern geworden seid. Eure Liebe. Dieses große Gefühl. Und diese große TAT.

Jawoll! Liebe ist eine aktive Handlung. Ist ja sagen. Und nein. Ist streicheln. Und lächeln. Und miteinander wachsen, gehen, stehen bleiben, auf Pause drücken und auf reset. Liebe ist nichts, was euch einfach passiert – das ist Verliebtheit. Liebe – das seid ihr. Liebe ist, was ihr tut. Liebe? Das sind Frank und Thea. Christina und Jan. Sophia und Verena. Tim und Alina. Maike und Henning. Und all die anderen. Die nun Eltern sind. Und die hoffentlich irgendwann, wenn die Dreijährigen allein einschlafen, wenn der Tag nicht mehr IMMER um 5.30 Uhr beginnt, wenn nicht jeder Spaziergang nach der Qualität der Spielplätze bewertet wird und nicht bei jedem Restaurantbesuch eine Apfelschorle umfällt… immer noch Paar sind. Und sich auch so fühlen.

Der Meiserich ist abgezogen. Futter ranschaffen. Oder so. Und die Hasen sitzen im sauberen Stroh. Zeit für einen schönen Wein! Oder eine Platte! Oder eine Abend-Radtour? Oder den Film? Ich trete meine Füße ab und gehe ins Haus. Die Kinder schlafen. Die Handtücher sind verschwunden. Der Geschirrspüler läuft. Und Chris? Schläft auch. Und träumt vielleicht von meinen Erwartungen, die ich an den heutigen Abend gehabt haben könnte. Ich kuschle mich in seinen Arm. Fühlt sich gewohnt an. Und gut. Und sicher. Gute Nacht, lieber Mann. Sprechen wir… morgen.

extrakind erarbeitet derzeit mit Hebammen, Psychologinnen und Familienberaterinnen das Programm „Doppelt Eltern werden – einfach Paar bleiben“. Wir informieren euch an dieser Stelle, wenn es Neuigkeiten zum Kurs gibt. 

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Alexandra Riewesell

    Das ist richtig toll dass ihr das hier aufgreift.

    Ich mache gerne und häufig in allen sich bietenden Gelegenheiten Werbung für proehe.de die alles mögliche an Kursen und Seminaren und einfachen candle dinners bieten aber auch ganz konkret Ehe Beratung (nun auch ganz einfach per Zoom) und das sind paare die Paare beraten. Ich möchte hier gar keine Konkurrenz Veranstaltung bewerben- ich finde einfach es gibt soviele gescheiterten Ehen da kann man gut und gerne alles was es so gibt an Hilfestellung aufzeigen

    Vielen Dank dass ihr euch einem so wichtigen Thema annehmt.

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